- Existenzphilosophische Diskussion -


Wann geht das Sein den Bach runter?

Bekanntlich ist diese unsre Welt prallvoll von Gefahren, Tücken und Bedrohungen. Deshalb vergessen viele im täglichen Überlebenskampf, daß sogar scheinbar völlig harmlose Dinge unser gesamtes Sein in seiner Existenz bedrohen.

Den beiden namhaften Wissenschaftlern F. Eckert und C. Jansen ist es zu verdanken, daß sie eine große Gefahr erkannt und aufgedeckt haben: die Zeit. Genauer gesagt jene Zeit, die meist gedankenlos als Mitternacht bezeichnet wird.

Der PRANKE ist es gelungen, die beiden Wissenschaftler dazu zu bewegen, ihren Schriftwechsel der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Hier also nun der Brief des Herrn Jansen, danach die Antwort des Herrn Eckert.


Christian Jansen, 53937 0lef, den 08.07.94

An Frank Eckert, 53105 Bonn

Sehr geehrter Herr Eckert!

Hoffentlich erinnern Sie sich noch an unseren abendlichen Disput, in welchem ich die These vertrat, daß die Beziehung "null Uhr, null Minuten und null Sekunden" für den Zeitpunkt des Tages, der gemeinhin im Volksmund auch als "Mitternacht" bekannt ist, gänzlich verfehlt, weil schon in sich widersprüchlich, sei. Sie hingegen waren vielmehr der Ansicht, daß allein die obige erstere Bezeichnung in der Sache richtig sei. Um Sie nun endgültig von der Richtigkeit meiner These zu überzeugen, habe ich die ihr zugrunde liegende Argumentation schriftlich für Sie festgehalten:

Die einzig richtige Bezeichnung für den Zeitpunkt des Tages, den Sie "null Uhr, null Minuten und null Sekunden" zu nennen pflegen, lautet: "vierundzwanzig Uhr, null Minuten und null Sekunden";

die diesem Zeitpunkt vorausgehende Sekunde nenne ich "dreiundzwanzig Uhr, neunundfünfzig Minuten und neunundfünfzig Sekunden"; die diesem Zeitpunkt unmittelbar nachfolgende Sekunde sei "null Uhr, null Minuten und eine Sekunde".

Meine Argumentation lautet nun wie folgt:

Stunde, Minute und Sekunde sind in erster Linie physikalische Maßeinheiten für die ihnen zugrunde liegende vierte Dimension, namentlich die Zeit.

Deshalb möchte ich folgenden Vergleich anführen: Ein Hundertmeterläufer, der von der Startlinie aus gesehen null Meter, null Zentimeter und null Millimeter zurückgelegt hat, zeichnet sich ja gerade dadurch aus, daß er eben noch gar keinen Weg gelaufen ist, ja, noch überhaupt nicht begonnen hat zu laufen.

Es existiert also kein Weg, der zurückgelegt wurde.

Übertragen wir dieses physikalische Beispiel nun auf unseren Problemfall, der ebenfalls physikalischer Art ist (ich betone dies fortlaufend deshalb, weil ich bei unserer Diskussion den Eindruck gewann, daß Sie - bei allem Respekt für Ihre mathematische Begabung - mit Vorliebe mathematisch argumentieren). Dabei stellen wir fest, daß vermittelst der Bezeichnung "null Uhr, null Minuten und null Sekunden" einzig und allein zum Ausdruck gebracht wird, daß noch gar keine Zeit vergangen ist. Hier könnten Sie jetzt einwenden, daß dies ja eben Sinn und Zweck dieser Bezeichnung sei, weil beim neuen Tag noch keine Zeit vergangen sei. Hierauf aber sage ich: Die von Ihnen gewählte Bezeichnung benennt logischerweise die erste Sekunde des neuen Tages.

Eine (und dazu noch die erste) Sekunde des Tages nun aber mit der Zahl "null" zu deklarieren, würde nichts anderes bedeuten, als ihre Existenz zu leugnen, denn vermittelst der Zahl "null" pflegt man etwas zu bezeichnen, was real nicht existent ist.

(Wenn ich z.B. null Äpfel habe, bedeutet dies, daß ich keinen Apfel besitze.)

Sie, Herr Eckert, maßen sich also an, durch die Bezeichnung "null Uhr, null Minuten und null Sekunden" eine Sekunde des Tages deklarieren zu wollen. Damit leugnen Sie aber gerade die Existenz dieser ersten Sekunde des Tages. Nach Ihrer Theorie entsteht um Punkt " 24 Uhr, 0 Minuten und 0 Sekunden" ein schwarzes Zeitloch.

Um "0 Uhr, 0 Minuten und 0 Sekunden", wie Sie es nennen, hört demnach alles Seiende auf zu sein. Sie tragen aber damit gleichzeitig die Mitverantwortung für den Existenzverlust alles Seienden auf Ewig, denn da alles Seiende um "0 Uhr, 0 Minuten und 0 Sekunden", wie Sie es nennen, in das schwarze Loch der Seinslosigkeit darniedergleitet, wie, so frage ich Sie, sollte es dem Seienden anders ergehen, als einem Uhrzeiger, der stehenbleibt, weil die Batterie leer ist? Woher, so frage ich Sie, soll denn die ungeheure Energie Tag für Tag kommen, die notwendig ist, um eine ganze Dimension wie die Zeit aus dem Stillstand plötzlich wieder in Gang zu bringen?

Sie konnten lesen, daß Sie im Unrecht sind, und wußten es doch auch schon vorher; hätten Sie sich sonst die Mühe gemacht, mir die katastrophalen wirtschaftlichen Folgen für den Fall einer Umbenennung der besagten Sekunde aufzuzeigen?

Wenn Sie das Gesicht wahren wollen, gibt es für Sie genau zwei Möglichkeiten:

1. Sie widerlegen meine Beweisführung.

2. Sie erklären mir, wie es möglich ist, daß Nichts und Niemand existiert, obwohl es doch einen ganz anderen Anschein hat.

Mit vorzüglicher Hochachtung,

Christian Jansen


Frank Eckert, 53105 Bonn, den 15.09.94

An Christian Jansen, 53937 Olef

Sehr geehrter Herr Jansen!

Ihre Überlegungen hinsichtlich des im ungebildeten Volksmund "Mitternacht" genannten Zeitpunktes habe ich mit größtem Interesse zur Kenntnis genommen, da mich brennend interessierte, was wohl in einem Hirn vorgeht, das eine derart kranke These vertritt wie das Ihre.

Ich bin jedoch zutiefst empört über Ihre Behauptungen! Sie werfen mir in kaum zu überbietender Dreistigkeit vor, die "Mitverantwortung für den Existenzverlust alles Seienden" zu tragen. Dabei sind es, wie ich zeigen werde, gerade Sie, die mit Ihren Thesen allem Seienden die Existenz rauben! Sie benutzen den uralten Trick, Ihrem Gegner genau das vorzuwerfen, was Sie selber verschuldet haben, weil Sie letztlich wissen, daß Ihre Thesen meiner Argumentation nicht standhalten.

Ich möchte also meine zweifellos korrekte These wiederholen: Der Zeitpunkt, um den sich unser wissenschaftlicher Diskurs dreht, und den Sie als "24 Uhr, 0 Minuten und 0 Sekunden" bezeichnen, kann einzig und allein "Null Uhr" heißen!

Vorerst möchte ich ihn aber einmal DZpüdBwunesdanNUhm (DerZeitpunktüberdessenBenennungwirunsnichteinigsindderabernatürlichNullUhrheißenmuß) nennen; schließlich erkennt man nicht a priori, daß meine Bezeichnung die einzig richtige ist, sondern dies ergibt sich erst a posteriori aus meinem nun folgenden wissenschaftlich exakten Beweis:

Als erstes müssen Sie sich fragen lassen, wie Sie objektiv rechtfertigen wollen, daß Sie stets von "X Uhr, Y Min. und Z Sek." reden. Sie versuchen, sich selber zum Herrscher über das Allgemeingut "Zeit" zu machen, obwohl jeder Mensch das Recht hat, an diesem Gut Anteil zu haben. Mit diesem diktatorischen Bestimmungsanspruch haben Sie den Grundkonsens aller Demokraten verlassen!

Offensichtlich besitzen Sie eine Uhr mit einem Sekundenzeiger und wollen Ihre daraus resultierende Einstellung zur Zeit dreist allen Menschen, ja sogar allem Seienden überhaupt, aufzwingen. Sie müssen aber wohl einsehen, daß z.B. jemand, der keinen Sekundenzeiger hat, immer von "X Uhr und Y Min." reden wird. Und für andere Menschen, wie z.B. Grinse-Schumi oder Milka-Franzi sind Hundertstelsekunden von großer beruflicher Bedeutung, ja man könnte sogar so weit gehen zu sagen, sie sind von geradezu existenzdefinierender Signifikanz; deshalb werden solche Leute immer von "X Uhr, Y Min., Z Sek. und P Hundertstel" reden.

Sie meinen, die gesamte erste Sekunde eines neuen Tages mit Ihrer Bezeichnung "24 Uhr, 0 Min. und 0 Sek." für sich vereinnahmen zu können. Gleichzeitig geben Sie jedoch zu, daß Sie den Zeitpunkt 1 Sekunde nach DZpüdBwunesdanNUhm "0 Uhr, 0 Min. und 1 Sek." nennen. So müssen Sie auch kleinlaut eingestehen, daß jemand, dem es auf die Hundertstel ankommt, den Zeitpunkt 1 Hundertstel nach DZpüdBwunesdanNUhm völlig zu Recht als "0 Uhr, 0 Min., 0 Sek. und 1 Hundertstel" bezeichnet. Und jemand, der auch die Millisekunden nicht vernachlässigt, wird 1 Millisekunde nach DZpüdBwunesdanNUhm erklären, es sei "0 Uhr, 0 Min., 0 Sek., 0 Hundertstel und 1 Millisekunde". Selbiges gilt äquivalent für den Mikrosekunden-Fanatiker, den Nanosekunden-Fetischisten, den Femtosekunden-Verrückten, ... noch weiter brauche ich dies wohl selbst für Sie nicht auszuführen. All diese Leute haben das selbe Recht, ihre Meinung über die Zeit zu äußern wie Sie und ich. Sehr frei könnte man hierzu Voltaire zitieren: "Ich halte zwar nichts von Millisekunden wie Sie, aber ich würde meine Uhr dafür geben, daß Sie davon sprechen dürfen."

Nun frage ich Sie in aller Offenheit: Welche Zeit bleibt Ihnen in Anbetracht des eben erläuterten Sachverhalts für Ihre Bezeichnung "24 Uhr"? Ich habe ja wohl eindeutig bewiesen, daß nach DZpüdBwunesdanNUhm nicht einmal eine Tausendstel Sekunde, ja noch nicht einmal eine Millionstel Sekunde bleibt, in der Sie von "24 Uhr" sprechen können, weil schon unendlich kurze Zeit nach DZpüdBwunesdanNUhm jemand zu Recht sagen kann, es sei "0 Uhr und irgendwas".

Wann ist es also "24 Uhr, 0 Min. und 0 Sek."? Die Antwort kann nur lauten: NIE, denn eine unendlich kurze Zeitspanne ist physikalisch gar keine Zeitspanne! (Beweis: der Grenzwert der Zeit t für t gegen 0 ist 0; die Physik muß sich der Mathematik bedienen, auch wenn Sie dies nicht einsehen.)

Also kann alles, was um "24 Uhr" existiert, nie existieren, und wäre somit durch Ihre Theorie seines Seins beraubt!

Meine korrekte Bezeichnung für DZpüdBwunesdanNUhm gilt dagegen für eine Zeitspanne, deren Existenz jederzeit experimentell nachweisbar ist, indem man zwei der oben beschriebenen Leute mit unterschiedlichen Sichtweisen der Zeit nachts prüfen läßt, wie lange es "Null Uhr" ist. Für denjenigen mit einer Uhr ohne Sekundenzeiger ist es "Null Uhr" bis seine Uhr etwas anderes anzeigt, also bis "0 Uhr und 1 Min.". Jemand wie Sie, der auf Sekunden Wert legt, kann dabei feststellen, daß dies eine bestimmte Zeit dauert, nämlich 60 Sekunden.

So habe ich Ihren angeblichen "Beweis" nun bis zum letzten Druckerpixel, mit dem er geschrieben war, widerlegt und es ist nun wohl endgültig und völlig unbezweifelbar nachgewiesen, daß

1. Ihre Bezeichnung "24 Uhr, 0 Minuten und 0 Sekunden" unsinnig, unlogisch, unqualifiziert, unwissend und existenzvernichtend ist,

2. die einzig wahre, sinnvolle, und die Existenz alles Seienden bewahrende Bezeichnung für DZpüdBwunesdanNUhm meine Bezeichnung "Null Uhr" ist,

3. die Existenz der Vernunft der Herren Jansen und Eckert offensichtlich nicht mehr seiend ist.

Nachdem Sie jetzt meine Theorie wohl oder übel mit der nötigen Bewunderung anerkennen müssen, bliebe nur noch die Frage, weshalb Sie Ihre kranke These mit aller Gewalt verteidigen wollten. Es kann nur eine Erklärung geben: Tief in Ihrem Innersten sind Sie, auch wenn Sie sich stets größte Mühe geben, dies zu verdecken, eine durch und durch konservative Persönlichkeit!

Sie können sich um null Uhr nicht damit abfinden, daß Sie vom vergangenen Sein Abstand nehmen und den Blick in die Zukunft richten müssen! So wollen Sie in jeder Nacht krampfhaft am schon in den Mantel der Geschichte eingehüllten alten Tag festhalten, indem Sie mit der Bezeichnung "24 Uhr" an die Tradition jenes Tages anknüpfen, der Zeiten wie "22 Uhr" und "23 Uhr" hervorgebracht hatte.

Lassen Sie sich deshalb eindringlich warnen: Wer um 24 Uhr kommt, der wird nicht existieren!

Mit der Ihnen zustehenden Achtung,

Frank Eckert